Die Rehabilitation nach einem Schlaganfall ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben in der Physiotherapie. Das Ziel – die Wiederherstellung eines sicheren, funktionellen Gangbildes – erfordert intensive, wiederholte Übung unter Bedingungen, die für viele Patienten in der frühen Phase kaum erreichbar sind. Gewichtsentlastendes Gangtraining setzt hier an.
Das zentrale Problem nach einem Schlaganfall
Nach einem Schlaganfall sind motorische Funktionen häufig durch die Schädigung kortikaler oder subkortikaler Strukturen beeinträchtigt. Beim Gang äußert sich das typischerweise durch Hemiparese, veränderte Ganggeschwindigkeit, asymmetrischen Schritt und erhöhtes Sturzrisiko.
Das Kernproblem für die Rehabilitation: Intensives Gangtraining erfordert Ausdauer, Koordination und ein Mindestmaß an Muskelkraft – alles Ressourcen, die in der frühen Phase nach einem Schlaganfall oft nicht ausreichend vorhanden sind.
Neuroplastizität: Warum Wiederholung entscheidend ist
Die moderne Neurowissenschaft hat die zentrale Bedeutung von Repetition und Intensität für die motorische Rehabilitation klar belegt. Das Prinzip der aktivitätsabhängigen Neuroplastizität besagt, dass neuronale Verbindungen sich durch wiederholte Aktivierung stärken – auch nach einer zerebralen Schädigung.
Daraus folgt: Je häufiger und konsistenter ein Bewegungsmuster trainiert wird, desto wahrscheinlicher ist eine funktionelle Reorganisation. Für das Gangtraining bedeutet das: Viele Schritte, korrektes Muster, ausreichende Intensität.
Wissenschaftliche Evidenz zum gewichtsentlasteten Gangtraining
Eine Metaanalyse von Mehrholz et al. (2020), veröffentlicht in der Cochrane Database of Systematic Reviews, untersuchte 56 Studien mit über 3.000 Schlaganfallpatienten. Das Ergebnis: Elektromechanisch unterstütztes Gangtraining erhöht die Wahrscheinlichkeit, selbstständig gehen zu lernen – besonders bei Patienten, die zu Beginn der Rehabilitation nicht selbstständig gehen konnten.
Yanaga et al. (2022) zeigten in einer Pilotstudie, dass gewichtsentlastetes Gehtraining bei subakuten Schlaganfallpatienten zu einer signifikant höheren Schrittfrequenz und Gehgeschwindigkeit nach vier Wochen führte als konventionelles Gangtraining.
Exkurs: Morbus Parkinson
Ähnliche Prinzipien gelten für die Gangrehabilitation bei Morbus Parkinson. Typische Symptome wie verkürzte Schrittlänge, Freezing und Festination entstehen durch eine Dysregulation der basalen Ganglien.
Eine Studie von Canning et al. (2015) im JAMA Neurology zeigte, dass intensives Gehtraining bei Parkinson-Patienten – auch unter Gewichtsentlastung – die Sturzrate senkt und Schrittlänge sowie Gangrhythmus verbessert.
Was das klinisch bedeutet
Für die neurologische Rehabilitation lässt sich festhalten: Gewichtsentlastendes Gangtraining ist kein Ersatz für konventionelle Physiotherapie, aber eine sinnvolle Ergänzung – besonders dann, wenn die Trainingsintensität mit konventionellen Mitteln nicht ausreichend erreicht werden kann.
In unserer Praxis beweg-was in Freiburg setzen wir diesen Ansatz bei neurologischen Erkrankungen individuell ein, immer in Abstimmung mit dem behandelnden Arzt.
Bei Fragen zu Ihrer individuellen Situation sprechen Sie uns gerne an.